Der
erste Arbeitstag
I´m
so excited, I just can´t hide it
Aufgeregt bin ich
wirklich ein wenig, als ich Stop drücke, die
Ohrstöpsel abnehme und den Walkman im Rucksack verstaue. Hier
soll ich also die nächsten 3 Monate arbeiten. Das Gebäude im
Industriegebiet Alexandria, im Süden von Sydney,
sieht aus wie viele andere auch. Verspiegelte Fensterscheiben
lassen keinen Blick nach innen zu, eine saubere, aber etwas
eintönige Fassade läßt auf ein Bürogebäude schließen. Eine
Allee kahler Bäume weist nochmal deutlich darauf hin, daß in
diesem Teil der Welt gerade Winter ist. Bei sonnigen 22 Grad kann
man das schon mal vergessen.
Mit gemischten Gefühlen steige ich die Treppe zur Rezeption hinauf und frage ich mich, wie der Empfang wohl aussehen wird. Das Praktikum in der australischen Firma hat mein ehemaliger Ausbildungsbetrieb für mich arrangiert, schon vor Monaten waren meine Bewerbungsunterlagen vor mir hier angekommen und durch die Hände der Leute gegangen, die ich gleich treffen werde. Meine Ankunft in Sydney hatte ich zwei Wochen vorher telefonisch bestätigt, im Laufe des Gesprächs aber erfahren, daß die Beschäftigten in der Firma einem Praktikanten eher skeptisch gegenüberstehen. Die meinen eben, bevor sie einen Arbeitsschritt lang und breit erklären und das Ergebnis später kontrollieren müssen, machen sie es lieber selbst. meint Thomas, der deutsche Finanzleiter.
Naja, solange sie mich nicht gleich rausschmeissen..., denke ich schulterzuckend und erreiche den ersten Stock und damit die Rezeption. Eine junge Frau in einem schwarzen Top lächelt mich an, verlangt meinen Namen und gibt irgendjemandem telefonisch meine Anwesenheit bekannt. Please take a seat, someone will be here soon.
Someone ist die 19-jährige Leonie, die selbst erst seit 3 Monaten in der Firma arbeitet. Sie begrüßt mich überschwenglich und führt mich erstmal im gesamten Gebäude herum. Überall ist Händeschütteln angesagt, werden mir Leute vorgestellt, deren Namen ich meist gleich wieder vergesse. Das ging mir aber auch so, lacht Leonie, das kriegst Du schon rein in den nächsten 3 Monaten.
Klar, grinse ich zurück, kurz bevor ich gehe, hab ich dann alle Namen drauf. Meine Besorgnis hat sich mittlerweile verflüchtigt, alle sind sehr freundlich und heißen mich in der Firma willkommen. Und alle wollen wissen, wie mir Sydney gefällt, wie lange ich bleibe und was ich danach vorhabe.
Leonie gibt mir die wichtigsten Informationen bezüglich der Firma - wo Kekse, Wasserspender und Toiletten zu finden sind, wie lange die Mittagspause dauert, wo die nächste Bushaltestelle in Richtung Stadt ist... ach ja, heute kriegen wir übrigens Kuchen, ein Mitarbeiter Peter hat Geburtstag!
Mein erster Chef für einen Monat ist John, ein Australier Mitte 40 mit einem breiten Akzent. Er fragt mich, was ich während meiner Azubizeit in Deutschland alles gemacht habe und was ich über seine Firma weiß. Ich erzähle ihm von den üblichen Büroarbeiten und füge noch hinzu, daß ich mich sehr für Computer interessiere und gern etwas in dieser Hinsicht machen würde. Von der Firma weiß ich leider nur wenig, weil die Internetsite praktisch nur aus einer Adresse bestand. Es werden Druckmaschinen und Zubehör verkauft. John führt mich in einen kleinen, fensterlosen Raum, in dem viele Broschüren in einem langen Regal liegen. Etwas entschuldigend sieht er mich an. Wenn jemand zum ersten Mal hier ist, setze ich ihn gewöhnlich erstmal hier hinein, damit er sich ein wenig mit der Materie auseinandersetzen kann. Du kannst aber jederzeit Schluß machen, wenn Du genug hast. Ist das okay? Klar ist das okay, versichere ich ihm, hole mir etwas zu trinken und fange an, mich durch die Broschüren zu lesen. Von Zeit zu Zeit sieht Leonie vorbei und bedauert mich, weil ich ihrer Meinung nach so einen langweiligen Nachmittag habe. Ich finde es aber eigentlich ganz interessant, überfliege den technischen Teil der Artikel und beschäftige mich dafür intensiver mit dem historischen.
Um drei holt mich Leonie zur Geburtstagsfeier von Peter ab, es gibt eine Baiser-Frucht-Torte und einen Schokoladenkuchen. Ich gratuliere Peter herzlich und er drückt mir einen Pappteller mit Schokoladenkuchen in die Hand. Nach und nach kommen noch andere Kollegen zum Gratulieren und bald ist der kleine Lunchroom mit fröhlich futternden Leuten gefüllt. Im Gegensatz zu deutschen Firmen kann man hier nicht unbedingt erkennen, wer rangmäßig höher- oder tiefergestellt ist. Alle reden sich mit Vornamen an und die allgemeine Stimmung ist sehr zwanglos und freundschaftlich.
Nach der Feier verschwinde ich wieder im Raum mit den Broschüren. Aber mit dem Bauch voller Kuchen kann man sich eben nicht mehr so gut konzentrieren und so melde ich mich gegen halb fünf wieder bei John und bespreche die Arbeitszeit. 8:30 Uhr fange ich morgens an, eine Stunde Mittagspause, um 5 darf ich gehen. Damit verabschiedet er mich für den heutigen Tag. Ich packe meine Sachen und wünsche den Kollegen a nice evening. Mary, die jetzt an der Rezeption sitzt, möchte wissen, ob ich wiederkomme oder ob mich die anderen schon total vergrault hätten. Ich kann sie beruhigen und wünsche auch ihr einen schönen Abend.
Draußen angekommen, atme ich erstmal tief durch: Den ersten Arbeitstag habe ich ohne größere Schwierigkeiten (besonders, was die Sprache betrifft) überstanden. Ungefähr 70 habe ich noch vor mir.
Wo war jetzt nochmal die Bushaltestelle in Richtung City??
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