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“First Time Experience”: Door-to-door-selling


11:30 Uhr hatte der Typ aus der Galerie gesagt. Recht spät, um mit der Arbeit zu beginnen, aber dafür soll sie auch erst gegen 22:00 Uhr enden.

„Door-to-door-selling“ steht heute auf dem Programm. Im Backpackerviertel „King´s Cross“ hatten Juliane und ich mehrere Anschläge gefunden: „$280 am Tag, sofort bar ausbezahlt – beste Arbeit für Backpacker!“ Keine Jobbeschreibung, keine Adresse. Höchst mysteriös...

Neugierig und natürlich auch ziemlich skeptisch hatten wir die angegebene Telefonnummer gewählt und einen Vorstellungstermin vereinbart. „Nein, nein, das mit den $280 stimmt nicht, es sind $150 am Tag“, informierte man uns am Telefon. Immerhin noch ein hübsches Sümmchen für ein paar Stunden Arbeit – zumal man als Backpacker sowieso nicht mit allzu großzügiger Bezahlung rechnen darf.

Montag morgen, pünktlich um 11:30 Uhr, stehen wir vor der winzigen Galerie, eigentlich mehr eine Art Stauraum für Ölreproduktionen im 1. Stock eines Bürohauses. Ob sich hier jemals ein Kunde sehen ließ? Wir konnten das Haus trotz Beschreibung kaum finden und wie eine Einkaufsstraße sieht es hier auch nicht aus.

Aber schließlich geht es hier um Door-to-door-selling, wir sollen die Ware zu den Kunden bringen, nicht umgekehrt. Die $150 scheinen auch nur ein Durchschnittswert zu sein. Das Geschäft läuft auf Kommissionsbasis, Geld gibt´s nur für verkaufte Bilder. Voller Tatendrang sitzen wir auf einer nicht unbequemen Couch und warten auf den Rest der Verkaufsmannschaft, während der Chef, ein Australier um die 30, in seinem Büro telefoniert.

Nach und nach trudeln alle ein, zwei Mädchen aus Neuseeland, ein israelischer Junge und ein Franzose Ende 20. Alle sind sehr freundlich, sinken aber schnell mit einem Becher Kaffee auf die Couch. „Es ist eben wieder Montag.“, grinst die Neuseeländerin, die sich als „Viona“ vorgestellt hat und gähnt.

Sie ist schon seit 4 Monaten in Sydney und arbeitet hauptsächlich in einem Hotel. „Das mit den Bildern mach ich nur nebenbei, aber es ist ein guter Job. In Neuseeland ist es zwar schöner als hier, aber wesentlich schwieriger, Arbeit zu bekommen“

„Okay, los geht´s!“, tönt es aus dem Nebenzimmer. Der Chef hat sein Telefonat beendet und mit den Gruppenleitern die Routen besprochen.

Zusammen mit „Danni“, einer jungen Frau aus Israel, die heute auch ihren ersten Tag hat, schleppen wir die Vorführkartons mit je 16 Ölbildern nach unten zum Lieferwagen. Schwer sind die Bilder eigentlich nicht, aber sperrig.

Juliane, Danni und ich fahren mit Olivier, dem Franzosen aus der Galerie und Ico, einem Israeli, auf dem Pacific Highway Richtung Newcastle davon. 1 ½ Stunden soll die Fahrt dauern, dann wären wir an einem „hübschen Fleckchen Erde mit lauter netten Leuten“, so Ico.

Immer noch skeptisch – schließlich wissen wir, wie Deutsche im allgemeinen auf Hausierer reagieren – befragen wir Olivier und Ico, wieviel die beiden durchschnittlich verdienen. „Es kommt immer drauf an“, so die Antwort. „Manchmal 1.000 Dollar die Woche, manchmal weniger.“

Landschaftlich gesehen, ist die Fahrt wirklich ein Erlebnis. Baumbedeckte Hänge wechseln sich ab mit großen Wasserflächen, auf denen Vergnügungsyachten im Sonnenschein kreuzen. Meine Laune bessert sich merklich. Selbst wenn wir nichts verdienen und der Ausflug ein totaler Reinfall werden sollte, hätten wir doch etwas von der Umgebung gesehen. Ico dreht das Radio auf und aus den altersschwachen, raschelnden Lautsprechern dröhnt Popmusik eines australischen Senders.

Ico und Danni unterhalten sich auf hebräisch.

In Newcastle angekommen, halten wir an einem kleinen Bach und holen die Mappen aus dem Wagen. „Ich habe alles zusammengestellt“, erklärt Olivier, „Jede von Euch hat diesselben Bilder. Das erste ist von Van Gogh...“

Nach ein paar Minuten können wir über jedes Bild eine Kleinigkeit sagen, den Rest sollen wir uns ausdenken. Mit der Wahrheit nimmt es in dieser Branche keiner sehr genau. Um nicht den Eindruck eines Hausierers zu machen, empfiehlt uns Ico, uns als Kunststudenten auszugeben, die ihre Werke vorführen und gewissermaßen „nebenbei“ etwas daran verdienen.

Wir fahren weiter in unser Absatzgebiet. Nach ein paar Kilometern deutet Ico auf mich und meint: „Du fängst an, dies ist Deine Straße. Bleib auf der rechten Seite und klappere alle Geschäfte ab. Um 4 Uhr hole ich Dich an der Ecke wieder ab.“

Nervös packe ich meine Mappe zusammen und steige aus. Die Straße besteht fast nur aus Autowerkstätten mit ein paar Arztpraxen dazwischen.

Ich lasse die erste Werkstatt aus, die Leute sehen einfach zu beschäftigt aus. Auch am Restaurant würde ich gerne vorbeigehen, ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß die Mitarbeiter von einem Straßenverkäufer so begeistert wären. Aber die Managerin, nach der ich schüchtern frage, ist überraschend freundlich. Nein, leider hätte sie im Moment genug Bilder für ihr Geschäft, aber sie würde meine „Werke“ trotzdem gerne sehen. Ich zeige sie ihr gerne, leider findet sie keines, für das sich eine Ausgabe lohnen würde. Ich ziehe weiter, komme an Passanten und in anderen Geschäften vorbei und sage überall mein Sprüchlein auf: „Hello, my name is Petra, I´m an art student from Germany. May I show you some paintings?” Manchmal darf ich sie zeigen, oft sind die Leute aber auch zu beschäftigt. Aber alle sind freundlich, keiner „jagt“ mich vor die Türe. Leider kauft aber auch niemand etwas, sei es, weil sie es sich gerade nicht leisten können (90%), oder aus anderen Gründen. Und alle mögen die Bilder (oder behaupten das zumindest). Lange vor 4 erreiche ich das Ende der Straße und darf mir, nach kurzer Absprache mir Ico, die andere Straßenseite vornehmen. Leider mit demselben Ergebnis. Um 4 sammelt Ico seine verstreuten Schäfchen wieder ein und wir fahren zum Mittagessen in die Ortsmitte. Juliane hat tatsächlich ein Bild verkauft, ausgerechnet das scheußlichste Blumenbild von allen. Danni hatte ebensowenig Glück wie ich, was meine Laune wieder ein wenig hebt. Geteiltes Leid ist eben doch halbes Leid.

Nach dem Essen (was hier draußen deutlich günstiger ist als in Sydney) fahren wir in ein Neubaugebiet zum „Nachteinsatz“. Jeder bekommt wieder ein Gebiet, diesmal Privathäuser, denen man den wohlhabenden Mittelstand ansieht. Es ist irgendwie einfacher so – man hat nur ein oder zwei Personen, auf die man sich konzentrieren muß. Trotzdem fühle ich mich unwohl, abends bei wildfremden Leuten zu klingeln und Ihnen irgendwas andrehen zu wollen. Auch hier sind die meisten wieder nett, nur wenige werfen mit einem schroffen „not interested“ die Tür wieder zu. Ein zwölfjähriger Junge streicht ehrfürchtig über die Oberfläche eines Reispapierbildes und blickt seine Mutter mit großen Augen an. „Please Mommi, just one.“ Aber die Mutter bleibt standhaft und so muß ich meinen Weg fortsetzen. Ein Mann kommt nur kurz an die Tür, um mir zu erklären, daß gerade etwas im Fernsehen läuft, das er keinesfalls verpassen darf. Ein Pärchen aus Frankreich bittet mich zur Präsentation herein, kann sich aber auch nicht zum Kauf entschließen. Eine Australierin bringt ihre beiden Mischlinge mit an die Tür und wir unterhalten uns erstmal eine Weile über Hunde, ehe ich – die Hand in weiches Fell vergraben - den Zweck meines Besuchs mitteile. Auch diese Dame interessiert sich für die Bilder, kann sich so eine Anschaffung momentan aber nicht leisten.

Gegen halb neun wird es langsam kalt. Ich rufe Ico auf dem Handy an und erkläre ihm, daß ich die Runde beendet und endgültig genug habe. Er verspricht, mich in wenigen Minuten abzuholen. Ich stelle mich unter eine der wenigen Straßenlaternen und warte auf den Lieferwagen. Die Luft hat sich merklich abgekühlt, die Nacht ist sternenklar und von einem nahen Fluß tönt Froschquaken. Und plötzlich gefällt es mir, einfach in irgendeinem stockdunklen Vorort zu stehen und die Sterne zu betrachten, die hier viel deutlicher zu sehen sind als daheim.

Im Haus vor mir, keine 20 Meter entfernt, sehe ich einen Schatten am Glasfenster der Haustür vorbeihuschen. Er verharrt eine Weile, dann verschwindet er. Das wiederholt sich einige Male, bis ich sicher bin, daß der Bewohner mich beobachtet. `Hält mich wahrscheinlich für einen Einbrecher, der das Terrain erkundet´, denke ich amüsiert und grinse in mich hinein. `Wenn er jetzt die Polizei holt, könnte das noch ein richtig lustiger Abend werden.´

Aber da kommt auch schon Ico und holt mich ab. Mit langem Gesicht schildere ich meine Bemühungen und das Ergebnis. Er nickt verständnisvoll. Das sei eben manchmal so. Danni und Juliane haben auch nichts mehr verkauft, Olivier als alter Hase dafür gleich zwei „seiner“ Werke. Dafür mußten wir auch eine halbe Stunde im Auto warten, bis er mit seiner Präsentation fertig war. Das junge Ehepaar, das er beschwatzt hat, wußte sicher gar nicht, wie ihm geschah. Nach knapp zwei Stunden kommen wir in King´s Cross an und verabschieden uns vom Rest der Truppe. Kaum ist der Lieferwagen verschwunden, werfen wir uns einen Blick zu. Ich frage: „Werden wir das nochmal machen?“ Juliane, mit Nachdruck: „Ganz bestimmt nicht!“

Unser anschließendes Resumé ist nur wenig ausführlicher: Wir hatten einen schönen Tag mit Sightseeing-Tour, Getränke inklusive, konnten in einen für uns völlig neuen Job reinschnuppern und Juliane hat dabei sogar $45 verdient. Ich möchte diese Art von Arbeit bestimmt nie wieder machen, aber vergeudet war die Zeit sicherlich nicht.

 

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